Wie ich einmal Trier im Sturm erobern wollte

Der Beruf des Schriftstellers ist ja bekanntlich der einsamste Job der Welt. Ein bißchen so wie Alleinerziehende Mutter. Nur ohne Kinder. Da tut es ganz gut, hin und wieder vor die Tür und unter Menschen zu kommen und sich den Publikumsreaktionen zu stellen.

Christian Gottschalk und ich waren zum Trierer Comedy Slam eingeladen, eine Fahrt, die ich eigentlich ganz gerne antrete: Hin zu einem wirklich großartigen Publikum, in drei Stunden durch die Eifel oder durchs schöne Moseltal. Ausgerechnet an diesem Wochenende warnte der Deutsche Wetterdienst jedoch vor markantem Wetter. Am Vorabend war das Orkantief Emma über Westdeutschland gefegt. Die Folge waren unter anderem weitreichende Verspätungen bei der Deutschen Bahn und gesperrte Streckenabschnitte.

Herr Gottschalk war so clever, einen smarten Kleinstwagen zu mieten und mit dem Gefühl, der Höheren Gewalt ein Schnippchen geschlagen zu haben, traten wir unseren Elchtest an. Gut gelaunt kalauerte ich: Davon hat Frau Schwarzer bestimmt schon lange geträumt - Ganz Deutschland zittert vor EMMA wie Espenlaub!

Whoosh! Ein Schlag in den Nacken unseres Kleinstwagens folgte auf dem Fuße und es dämmerte uns, daß unser Abenteuerurlaub gerade erst begonnen hatte. Aber genau dafür fährt man ja, für das Abenteuer und nicht für das zügige Hingelangen von A nach B.

Und abenteuerlich war es: Wir beide mit Pappbechern in der Hand, unsere dunklen Anzüge vom Wind gezaust, ratlos vor einer Raststättenlandkarte kurz vorm Nürburgring - Saving the World in Style...

Wir fuhren weiter, wir kalauerten weiter und irgendwie erinnerte mich die Fahrt an die Zeit, als ich eine Freundin in Leipzig hatte und meine Wochenenden von Hin- und Wegfahrten bestimmt waren. Drei Stunden lang kurz vor Eisenach im Stau, auf dem Rückweg in der Bahn an genau derselben Stelle ein Unfall mit Personenschaden und eine Nacht im Bahnhofshotel in Frankfurt - manchmal war es langweilig gewesen, aber irgendwie doch immer abwechslungsreich. Und ich dachte mir - dort auf dem Beifahrersitz neben Herrn Gottschalk im sturmgepeitschten smart -, daß mein einsames Leben einfach eine Fernbeziehung nach Trier bräuchte.

Herr Gottschalk wurde übrigens nicht müde zu betonen, daß es auch in noch so schickem Zwirn unmöglich sei, in einem smart cool zu wirken. Und ich glaube, ich finde das irgendwie sympathisch. Vor allem aber finde ich Herrn Gottschalk sympathisch, der mit seiner Blues-Gitarre gewappnet auf der Bühne deutlich unter Beweis stellte, daß auch er die Klaviatur des Uncoolseins beherrscht: Das Publikum nämlich, wenn nicht zum Lachen, so doch mindestens zum Schmunzeln zu bringen mit Scherzen, die nicht auf Kosten anderer gehen, sondern auf einen selbst.

Im Finale tat ich selbst das altbewährt und verabschiedete mich mit Besessen, der Schauergeschichte von einem neurotischen Stelzbock mit überbordernder Fantasie und dem Exorzismus in einer Studenten-WG.

Anschließend - und vielleicht unter dem Einfluß meiner Lektüre How to survive a Horror Movie - rutschte ich selbst in einen ebensolchen Film. An jeder Ecke sah ich auf einmal Hinweise, daß dunkle Mächte mich umgeben und zum Beweis habe ich es auf stilecht verschwommen-pixeligen Handyfotos festgehalten.

Bevor Du stirbst, siehst Du den Ring...
Bevor Du stirbst,
siehst Du den Ring...
For God's Sake, stay away from the Apfelschorle!
For God's Sake,
stay away from the Apfelschorle!
Blair Witch Hotel
Blair Witch Hotel

Eine Fernbeziehung, das kann man sich denken, habe ich so in Trier natürlich nicht mehr gefunden. Aber am Ende hatte ich doch noch meine 15 Minuten Coolsein: Auf einer Party im Karstadt Keller stand ich im Eingangsbereich, noch immer im schwarzen Anzug, mit raspelkurzen Haaren und leicht genervtem Blick. Ich wurde ängstlich angeschaut, ich wurde gesiezt und ich wurde gefragt: Gehören Sie zur Security?

Das machte selbst die Fahrt im smart wieder vergessen...

Alexander Bach, 2008

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